Kurze Küche, oder: Bügeln in den Siebzigern

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bahngarfield
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Kurze Küche, oder: Bügeln in den Siebzigern

#1

Beitrag von bahngarfield » Fr 28. Okt 2011, 16:49

Kurze Küche

Oder: Bügeln in den 70ern

Normalerweise baue ich meine Lokmodelle immer in eine Rahmenhandlung ein und bemühe mich auch, sie halbwegs angemessen attraktiv in Szene zu setzen. Da ich diesmal jedoch möglichst zeitnah einem Wunsch eines Forenmitgliedes entsprechen wollte, gibt’s heute also keinen „Langlauf“, sondern nur „Kurze Küche“. Es geht um einen in diesem Thread http://www.stummiforum.de/viewtopic.php?f=27&t=67405 von Jerry geäußerten Wunsch, weswegen ich mir gerne die Mühe gemacht habe alle Möglichkeiten, die man als Märklinist in den 60er und 70er Jahren hatte zu einer „Bügelfalte“ zu kommen, fotografisch zusammenzufassen. Ich habe diese Bilder hier eingestellt weil die reifen Damen angesichts ihres Alters von teilweise fast einem halben Jahrhundert (!) eindeutig zu den alten Schacht..., äh, „Alten Modellbahnen“ zählen (Ja, ich weiß! Sowas sagt man nicht..!).


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Bild Nr. 1+2 zeigen uns den Klassiker, die umgebaute Fleischmann-E10 (Katalog-Nr. 4335), auf die die Fraktion der Dreileiterfahrer in der Tat neidisch sein konnte. Natürlich gab’s die E10.3 von Fleischmann nie in Dreileiter ab Werk, die Re4/4II als 1343 http://www.ebay.de/itm/Fleischmann-1343 ... 53e1f326ad schon. Nun produzierte aber Fleischmann in Heilsbronn, und kaum ein Modellbahner hier in der Gegend kannte nicht einen, der einen kannte, der bei GFN schaffte. So konnte man mit etwas Beziehungen doch zu einer „Original-Fleischmann-Wechselstrom-Bügelfalte“ ab Werk kommen, deren Innenleben dem Ihrer Schweizer Dreileiterschwester praktisch entsprach. Gut: Der einzige modellbahnbegeisterte Depp hier aus der Gegend der damals wohl niemand bei Fleischmann in Heilsbronn kannte, war wahrscheinlich ich... Nebenbei zeigen die Bilder, dass anscheinend auch gelegentlich bei den Fleischmännern in der Qualitätskontrolle gesoffen wurde, die Loknummer „E10 1311“ ist für eine blaue Bügelfalte nämlich völlig vorbildbefreit. Allerdings hatte diese Maschine den Nachteil, den praktisch alle Gleichstromumbauten hatten: Das abrupte Verzögerungsverhalten bei Stromunterbrechung. So wurde jede Weiche zum Stolperstein, jedes Schaltgleisstück eine Zitterpartie und jeder Signalhalt aus halbwegs flotter Fahrt zum Domino-Day für den D-Zug. Kein Wunder, dass sich Märklinisten auf Bügelfaltenjagd nach weiteren Optionen umsahen.


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Eine ist die hier: Die umgebaute Trix-E10, hier im TEE-farbenen Gewand als 112. Ein wunderschönes Modell seinerzeit, mit vier angetriebenen Achsen und Metallgehäuse satt auf den Schienen liegend und einen unglaublichen Charme verströmend. Sie ist noch heute eine meiner absoluten Lieblingsmaschinen. Wer kennt sie nicht aus den Trix-Express-Bahnhofsanlagen, die an jedem größeren Bahnhof standen und auf denen sie für ein paar eingeworfene Groschen zur Begeisterung der Kinderaugen ihre Runden auf einer Noch-Fertiganlage drehte? Allerdings hatte dieser Gleichstromumbau nicht nur die gleichen Nachteile wie der Fleischmann-Umbau – die Maschine verfügte auch noch über zwei Schleifer und brachte damit jeden Besitzer einer Anlage, deren Betriebsabläufe über Schaltgleisstücke gesteuert wurden zur Verzweiflung, da jeder Kontakt logischerweise zweimal ausgelöst wurde – mit entsprechenden Folgen beispielsweise im Blockstellenbetrieb. Das bedeutete nicht nur für meine 112 das „Aus“, sondern auch z.B. für meine 3047.


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Es ging aber auch anders: Das gleiche Gehäuse passte mit nur minimalen Anpassungen auf das Fahrgestell der Märklin-3034/ 37. Die 3039-Bodengruppe war zu lang, bei ihr stießen die Drehgestelle an den Schürzen an (obwohl es auch diesen Umbau gab, der Aufwand war allerdings erheblich größer). Da aber andererseits das 141er-Fahrgestell etwas zu kurz war, bekam man die Kurzkupplung sozusagen serienmäßig gleich mitgeliefert. Dieser Umbau – eine maximal halbstündige Bastelei – wurde meines Wissens nach gar nicht mal so selten durchgeführt: Sie sah aus wie eine Bügelfalte, fasste sich an wie eine Märklin, fuhr wie eine Märklin - und basta! Kein Mensch wäre zu den damaligen Zeiten auf so Kinkerlitzchen gekommen wie „falsche Drehgestellblenden“ oder „falsche Achsabstände“ – man war froh, dass man eine einwandfrei laufende E10.3 hatte! Solche Kleinigkeiten können wirklich nur den übersättigten Wohlstandsmodellbahner des 21. Jahrhunderts stören. Zur Erinnerung: Das war die Zeit – die E10.12 erschien bei Fleischmann 1965, die 110 bei Trix 1969! - , in der man sich mangels Marktangebot eine E44.5 aus Fleischmann-132-Gehäuse plus Märklin-141-Fahrgestell zusammenbaute oder sich aus zwei SK 800 eine 06 zusammensägte, um nur zwei Beispiele zu nennen – und diese Zeit war verdammt kultig! Unser „Nachbarforum“ hat diesen wunderschönen Umbauten teilweise geniöser Modellbahnbastler der 60er und 70er einen kompletten Thread gewidmet, zu finden unter http://www.stummiforum.de/viewtopic.php?f=27&t=67405 oder hier http://alte-modellbahnen.xobor.de/t9113 ... ikate.html

Übrigens: Ganz Geschickte spendierten der Trix-Maschine noch eine Regenrinne aus Draht und „versilberten“ ihr das Dach, um so zu einer Bügelfalte im Ablieferungszustand der ersten Serie zu kommen!


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Der Nachzieher: Erst 1997 - satte 32 Jahre nach dem Erscheinen der entsprechenden Gehäuseform bei Fleischmann bzw. 28 nach Trix - erschien im Hause Märklin, man möchte sagen : endlich – eine „Bügelfalte“. Diese jedoch, die 3033 - später auch noch als 30331 „recycelt“ - war schlicht das überarbeitete Gehäuse der Trix-110.3/ 112 auf dem Fahrgestell der Märklin-3042 von 1977. Mit etwas Kompromissbereitschaft und bastlerischem Geschick ließ sich aus der 3033 jedoch eine recht brauchbare Bügelfalte machen: Dem geneigten Leser ist sie bereits aus dem „Lokzug nach Freimann“ bekannt. Da tat die „110 483“ auf Basis Märklin-3034/ 37 auf mancher Modellbahneranlage schon seit drei Jahrzehnten Dienst..!


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Gruppenbild(er) mit Damen. Ich darf vorstellen (von vorne nach hinten bzw. rechts nach links): Pallas Athene, Aphrodite und Hera. Wer möchte den Apfel reichen? Dass damals allerdings noch eine unbekannte Blondine (im Hintergrund) dabei war, war mir allerdings neu...

Addiert stehen hier 148 Jahre Modellbahngeschichte. Da fängt man an, über’s eigene Alter nachzugrübeln. Ob nun die mehr als drei Jahrzehnte Fertigungsfortschritt zwischen der Märklin-Lok und den drei anderen Maschinen gegen das Göppinger Erzeugnis oder für die Leistungsfähigkeit der Nürnberger Modellbahnindustrien Ende der 60er Jahre spricht soll dem Betrachter überlassen bleiben.

So - ich hoffe nicht nur Jerrys Wunsch entsprochen zu haben sondern auch, dass den anderen dieser kleine Überblick und die Bildimpressionen gefallen haben!

Grüße!

Christian
Zuletzt geändert von bahngarfield am Do 10. Okt 2013, 13:58, insgesamt 1-mal geändert.

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Re: Kurze Küche, oder: Bügeln in den Siebzigern

#2

Beitrag von Jerry » Di 1. Nov 2011, 14:38

Hallo Christian,

vielen, vielen Dank für diesen herrlichen Bericht, bei dem ich ob seiner Länge, Ausführlichkeit und seines Bilderreichtums die kurze Küche "vermisst" habe. Bild Nein, da ist wahrlich nichts zu kurz gekommen, und es hat sehr gemundet! :sabber:

Nochmals Danke für die Mühe, die Du Dir mal wieder gemacht hast! Bild



Schönen Feiertag Bild

Jerry
Wenn Märklin Sünde ist Bild, dann will ich Sünder sein! Bild

HAG ist mehr als nur ein Kaffee ... Bild


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Re: Kurze Küche, oder: Bügeln in den Siebzigern

#3

Beitrag von Weichenputzer » Di 1. Nov 2011, 21:14

Hallo Christian,

auch von mir wieder ein herzliches Dankeschön! Dein "FastFood" war lecker: Schöne Loks stimmungsvoll in Szene gesetzt :!:

Viele Grüße,

Markus

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Stefan7
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Re: Kurze Küche, oder: Bügeln in den Siebzigern

#4

Beitrag von Stefan7 » Sa 20. Jul 2013, 09:05

Mich langweilt gerade ein wenig und da habe ich diesen herrlichen Beitrag mal entstaubt................

Bin ich über diese Links drangekommen und ich finde das verdient Beachtung
viewtopic.php?f=6&t=60895#p830645

Durchgewischte Grüße

Stefan7
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bahngarfield
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Re: Kurze Küche, oder: Bügeln in den Siebzigern

#5

Beitrag von bahngarfield » So 21. Jul 2013, 19:55

Hallo "Stefan7"!

Vielen Dank für die "Entstaubungsaktion", die mich sehr gefreut hat!! Du hast netterweise auf Jerrys Linkliste meiner Beiträge verlinkt; ich erlaube mir in aller Bescheidenheit, auf die von Jerry (Danke dafür!) aktualisierte Version hinzuweisen. Auf der gleichen Seite finden sich auch die Dropbox-Galerien meiner fiktiven Märklin-Loks, -Lokkartons und -Blechwagen zur geneigten Ansicht.

Viel Spaß beim Betrachten!

Grüße!

Christian

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